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Freitag, 10.2.2012

Viele Tote bei Anschlag in Aleppo

In Syrien spitzt sich die Lage zu. Bei zwei Bombenanschlägen in der Millionenmetropole Aleppo sterben mindestens 30 Menschen. Die Protesthochburg Homs liegt weiter unter Dauerbeschuss.

Verwüstete Wohngebiete nach Explosionen in der syrischen Stadt Aleppo. (Reuters)

Syrien: Die Gewalt dehnt sich aus

Homs, die Oppositionshochburg in Syrien, ist seit Tagen permanent unter Beschuss von Assads Regierungstruppen. Und mehr als zwanzig Tote sollen auch Bombenanschläge in Aleppo gefordert haben.

Beitrag aus Echo der Zeit vom Freitag, 10.2.2012, 19.00 Uhr

Augenzeugenbericht aus dem Norden Syriens

Die Handelsmetropole Aleppo im Norden galt bisher als weitgehend ruhig. Der deutsche Fotograf Marc Hofer kommt eben von einer einwöchigen Reise zwischen Aleppo und Idlib zurück. Ein Gespräch.  Mehr

Beitrag aus Echo der Zeit vom Freitag, 10.2.2012, 19.00 Uhr

Karte: Syrien

Der Bürgerkrieg in Syrien hat die zweitgrösste Stadt Aleppo erfasst. Bei zwei gewaltigen Bombenanschlägen vor Einrichtungen der Sicherheitskräfte in der Millionenmetropole kamen nach Angaben von Ärzten 30 Menschen ums Leben, etwa 200 weitere seien verletzt worden. Staatliche Medien berichteten, die Sprengsätze seien von zwei Selbstmordattentätern gezündet worden.

Gleichzeitig ging in der Protesthochburg Homs der Dauerbeschuss durch Regimetruppen weiter. Allein am Freitag starben dort nach Angaben von Aktivisten mindestens 39 Menschen - im ganzen Land kamen demnach bei Angriffen 61 Menschen ums Leben. Viele Tote der vergangenen Tage lägen noch unter zerstörten Häusern.

Explosionen in Aleppo
Auch in Aleppo wurden weitere Opfer unter den Trümmern vermutet. Die Wucht der Explosionen war so gewaltig, dass Gebäude im Umkreis von einem Kilometer erschüttert wurden. Im Fernsehen war zu sehen, wie Helfer zwischen blutigen Leichen und abgerissenen Gliedmassen nach Überlebenden suchten. Menschen seien in Nachthemden auf die Strasse gelaufen und hätten geschrien, sagte ein Augenzeuge.

Das syrische Staatsfernsehen beschuldigte Oppositionelle, Aktivisten machten dagegen das Regime von Machthaber Bashar al-Assad für die Anschläge verantwortlich. Ein Sprecher der sogenannten Revolutionskomitees sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Die meisten Toten sind Angehörige des Sicherheitsapparates und der Shabiha-Milizen.»

Komplott von Angehörigen des Regimes vermutet
Vermutlich habe es sich um ein Komplott von Angehörigen des Regimes gehandelt. Diese wollten durch inszenierte Terroranschläge die Bevölkerung von Aleppo auf ihre Seite ziehen. «Denn in Aleppo ist die Bewegung gegen das Regime in den vergangenen Wochen gewachsen», fügte er hinzu.

Oppositionelle erklärten unter Berufung auf Anwohner, die vor den Explosionen verdächtiges Verhalten der Sicherheitskräfte beobachtet haben wollen: «Dies ist ein weiteres schwarzes Theaterstück des Regimes.» Die Regierungstruppen hätten nach den Detonationen jeweils mehrere Schüsse abgegeben, um den Eindruck zu erwecken, es habe ein Gefecht zwischen ihnen und den «Terroristen» stattgefunden.

Freie Syrische Armee weist Spekulationen zurück
Die Freie Syrische Armee aus Deserteuren wies Spekulationen zurück, sie sei an den Anschlägen beteiligt gewesen. Der Sekretär des Kommandeurs der Truppe, Oberst Riad al-Asaad, sagte der dpa in Istanbul in einem Telefongespräch: «Wir haben keinerlei Verbindung zu diesen Anschlägen und wir besitzen auch nicht einmal die Art von Sprengstoff, die man dafür braucht. Wir haben nur Panzerfäuste und automatische Schusswaffen.»

Er räumte allerdings ein, dass es kurz vor dem Doppelanschlag am gleichen Ort ein Gefecht zwischen den Regierungstruppen und den Deserteuren gegeben habe. Die sogenannte Freie Syrische Armee ist eine von zwei grösseren Vereinigungen fahnenflüchtiger Soldaten der syrischen Armee. Ihre Führung operiert von der türkischen Provinz Hatay aus.

Waffen nach Homs geschmuggelt
Das Nachbarland Libanon zog Truppen an der Grenze zu Syrien zusammen. Zuvor war berichtet worden, über die Grenze würden Waffen in die syrische Protesthochburg Homs geschmuggelt, wie die dpa aus Armeequellen erfuhr.

Ein Augenzeuge berichtete, zahlreiche Soldaten seien am Morgen an die Grenze beordert worden, wo sie Kontrollpunkte errichtet hätten.

Obama und Co. gegen aktuelle Regierung
Das «abscheuliche Blutvergiessen» in Syrien müsse beendet werden, verlangte US-Präsident Barack Obama nach einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti in Washington. Die USA und Italien seien sich einig, die jetzige Regierung in Damaskus, die «ihr Volk angreift», müsse ersetzt werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äusserte sich zutiefst betroffen über Assad. «Die Bilder und Berichte aus Syrien wühlen mich genauso auf wie wahrscheinlich die meisten Bürger», sagte Merkel der «Passauer Neue Presse».

Kein Ende der Gewalt in Sicht
Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Shami sieht keine Chancen mehr für ein baldiges Ende der Gewalt in Syrien. Der Bürgerkrieg sei längst im Gange, erklärte der 65-Jährige im Gespräch mit der dpa in Mainz. Er kommuniziere sehr rege über oppositionelle Verbindungen per Telefon, Handy und Internet mit seinen Freunden, die in Syrien untergetaucht seien, berichtete Shami.

Ein baldiges Ende der Gewalt in seiner Heimat könne nur durch ein Wunder geschehen, wenn ein Teil der Machthaber den anderen ausschalte und der Opposition die Hand reiche.

Russland bleibt beim Veto
Russland bleibt bei seinem Kurs im Syrien-Konflikt: Das Parlament unterstützte am Freitag das Veto Moskaus gegen die jüngste Syrien-Resolution. Die Abgeordneten votierten geschlossen für eine Erklärung aller Fraktionen dazu, wie die Agentur Interfax meldete.

Der Resolutionsentwurf sei einseitig gewesen, hiess es zur Begründung. Das Moskauer Veto im Weltsicherheitsrat war weltweit kritisiert worden. Russland ist ein enger Partner und Waffenlieferant Syriens.

Menschenrechtskommissarin kurzfristig aufgeboten
Gut eine Woche nach der gescheiterten Syrien-Resolution will sich die Uno-Vollversammlung mit der Situation in dem arabischen Land befassen. Dazu lud die Vertretung der Mitgliedsländer, quasi das Parlament der Uno, für Montag kurzfristig Menschenrechtskommissarin Navi Pillay ein. (basn, dpa)

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